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Begrüßung am Flughafen

Gastfamilie werden während Corona?

Ist es überhaupt möglich, momentan ein Gastkind aufzunehmen? Welche Regularien gibt es? Was müssen wir als Gastfamilie beachten? Diese und weitere Fragen beantwortet Matthias Lichan, Teamleiter der Abteilung Schulbesuch in Deutschland, in einem Interview.

Ist es momentan, mit Blick auf die Covid-19 Pandemie, überhaupt möglich, ein Gastkind aufzunehmen?

ML: Ja, auf jeden Fall! Als gemeinnützige Austauschorganisation stellt Experiment e.V. die Arbeit für den interkulturellen Austausch nicht einfach ein, sondern ermöglicht es den Menschen, trotz aller Herausforderungen, die die Pandemie mit sich bringt, ein Gastkind bei sich aufzunehmen. Für viele internationale Schüler*innen aber auch für viele Gastfamilien ist das Zeitfenster, überhaupt an so einem Austauschprogramm teilzunehmen, nicht besonders groß: So gibt es Vorgaben von der Schule im Heimatland und das Alter der Schüler*innen spielt auch eine Rolle. Ein oder zwei Jahre Verzug können schon den Wunsch für ein Schuljahr in Deutschland zunichtemachen. Ebenso haben viele Familien vielleicht nur dieses oder nächstes Jahr Zeit, weil gerade das Zimmer für den Gast „frei“ ist, oder die eigenen Kinder noch zu Hause leben und der Wunsch für ein Austauschkind im eigenen Hause vor allem von ihnen ausgeht.

Überhaupt sollte trotz Einschränkungen für das Reisen und den Kontakt zu anderen Menschen der interkulturelle Austausch eine Rolle in unserem Leben spielen. Denn wir reden ja nicht davon, für zwei oder drei Wochen einen „Gast“ bei sich zu beherbergen, der unter die Kontaktbeschränkungen fällt, sondern davon, ein neues, internationales Familienmitglied für drei Monate, ein halbes oder ganzes Schuljahr bei sich aufzunehmen.

Wie sind die aktuellen Regularien?

ML: Bei der Anreise und auch im späteren Alltag halten sich die Gastkinder an die gleichen Regularien, die für jeden anderen Menschen gelten. So wird vor der Abreise im Heimatland getestet, gegebenenfalls nach der Ankunft in Deutschland gleich noch einmal und wenn nötig, auch noch ein drittes Mal während der Zeit der Selbstisolation in der Gastfamilie.

Leider lassen es die Einreiseregeln aktuell nicht zu, dass alle Schüler*innen, die gerne ein Programm in Deutschland machen möchten, auch tatsächlich kommen können. Ein Engpass ist die Visumvergabe: Sie ist zwar grundsätzlich möglich, dauert aber länger, da die Visumstellen in den Heimatländern der Schüler*innen natürlich auch mit personellen Herausforderungen durch die Pandemie zu kämpfen haben und andere Personengruppen bei der Visabearbeitung prioritär behandelt werden. Des Weiteren sind Menschen aus bestimmten Ländern, je nach den dortigen Fallzahlen, von der Einreise zeitweilig ausgeschlossen. So ergibt es sich, dass ohnehin viel weniger Schüler*innen im letzten und voraussichtlich auch in diesem Jahr zu uns kommen können als in den Vorjahren bis 2019.  

Welche Erfahrungen machen die Gastfamilien und die Schüler*innen momentan?

ML: Alle Schüler*innen und Gastfamilien wissen aktuell, worauf sie sich einlassen, wenn sie am Programm teilnehmen. Das bedeutet zum einen, dass die internationalen Schüler*innen das Distanzlernen in der Schule aus ihren Heimatländern kennen. Viele Gastkinder aus Italien zum Beispiel sind sehr froh zu hören, wie wir in Deutschland um den Präsenzunterricht ringen, sind sie doch selbst seit März 2020 nicht mehr in ihrer Schule gewesen. Zum anderen stellen sich auch die Gasteltern auf das Lernen zu Hause ein. Experiment e.V. unterstützt gleichzeitig mit Online-Angeboten, wie Seminaren und Deutschkursen. Nicht zu vergessen die vielen Ehrenamtlichen, die sich mit allen verfügbaren Mitteln für die Gastfamilien und Gastkinder einsetzen, sei es durch Video-Calls oder Online-Aktivitäten.

Natürlich ist der fehlende Kontakt zu anderen Jugendlichen in der Schule oder im Sport- oder Musikverein eine Herausforderung. Gleichzeitig hatten Gastfamilien und ihre Gastkinder noch nie so viel Zeit miteinander, um sich kennen zu lernen, Spiele zu spielen, die Umgebung zu erkunden und vieles mehr. Es kommt also, wie so oft im Leben, darauf an, was man aus den Möglichkeiten macht.

Welche Veränderungen/ Besonderheiten sollten Gastfamilien in der aktuellen Situation beachten?

ML: Die viele Zeit, die zu Hause verbracht wird, ist für erfahrene Gasteltern natürlich neu. Doch kennen sie das inzwischen vermutlich von ihrem eigenen Alltag. Generell gilt, dass noch mehr als sonst über die Erwartungen gesprochen werden sollte: Wollte das Gastkind viele andere Jugendliche kennenlernen oder in Deutschland und Europa reisen? Dass dies auf nicht absehbare Zeit nicht möglich sein wird, muss man thematisieren, am besten schon per Video-Anruf und E-Mails im Vorfeld. Und dann kann man sich direkt andere Alternativen überlegen, wie die gemeinsame Zeit verbracht werden will.

Was sind die Herausforderungen bei der Vermittlung?

ML: Über den Winter und die Zeit des Lockdowns ist es sehr schwer, Familien für die Aufnahme internationaler Schüler*innen zu begeistern. Doch der Ausblick auf den Sommer hilft: Auch ich gehe davon aus, dass wir noch in diesem Jahr wieder mehr Menschen in unserem Programm begrüßen werden können und so freuen sich auch viele potentielle Gastfamilien darauf, zur Mitte des Jahres sich die Welt nach Hause zu holen. Natürlich wird nicht alles wie früher stattfinden können, aber digitale Seminare und Sprachkurse sind für uns nicht mehr nur notwendige Alternative, sondern bieten einen echten Mehrwert. Wenn dies dann noch mit persönlichen Kontakten in der Gastgemeinde ergänzt werden könnte, wäre das natürlich schön!

In Bezug auf die Vermittlung an Schulen sind unsere Erfahrungen unterschiedlich: An einigen Stellen herrscht viel Unsicherheit und die internationalen Gastkinder werden leider nicht aufgenommen. Das müssen wir natürlich akzeptieren. Doch bisher steht es in allen Bundesländern, jeder Schule und jeder verantwortlichen Person frei, eine*n internationalen Gastschüler*in aufzunehmen. Die notwendigen Regelungen und Verbote in Bezug auf Klassenfahrten oder Gruppenaustausche sind nachvollziehbar. Doch bei einem einzelnen Gastkind, welches für mehrere Monate die Schule besuchen möchte, kann jede Direktorin und jeder Direktor nach eigenem Ermessen entscheiden. Selbstverständlich muss die aktuelle Mehrbelastung Berücksichtigung finden, doch zum Glück erleben wir an vielen Stellen, dass die internationalen Gastkinder als eine Bereicherung für die Schüler*innen der Klassen, in die sie kommen, wahrgenommen werden. Hier wünschen wir uns Offenheit zum Gespräch. Insgesamt gilt: Wir tun alles Notwendige, um die Gesundheit und Sicherheit aller Beteiligten zu gewährleisten.

 

Interviewpartner: Matthias Lichan, Teamleiter „Schulbesuch in Deutschland